Abstract
Dostojewskijs befreiende Vatertötung und was daraus zu lernen sein könnte, für die politische Gegenwart
Ich möchte mein kürzlich in der Y-Zeitschrift erschienenes Dostojewskij-Essay vorstellen und ein Gespräch dazu eröffnen. Mit Hilfe der Fernrohre von Freud und der großen Dostojewskij-Übersetzerin Swetlana Geier habe ich in meinem Text eine Analyse des Spannungsverhältnisses zwischen Freiheit, Schuld und dem Bedürfnis nach Autorität in modernen Massengesellschaften entwickelt. Dostojewskijs Werk erscheint dabei als Spiegel einer säkularisierten Welt, in der moralische Orientierung ohne transzendente Instanz brüchig wird. Aktuelle politische Phänomene wie der Aufstieg autoritärer Führer in Russland, den USA und Europa habe ich als Ausdruck kollektiver Regression gedeutet, die auf tief in unserem kollektiven Unbewussten und in den massenmedialen Bewusstseinsindustrien verwurzelten Vaterkomplexen hindeuten. Komplexe, die in der Literatur, am deutlichsten bei Sophokles, Shakespeare und Dostojewskij bereits vielfach in dichterische Texte umgearbeitet und von Freud psychoanalytisch urbar gemacht wurden, was, wie im gegenwärtigen medialen und politischen Umgang mit dem Verhältnis von Gewalt, Auto- bzw. Theokratie und Gesellschaft/Polis sichtbar wird, noch immer nicht vollständig im Common Sense angekommen zu sein scheint. Ich habe mich selbst als Schriftsteller und Leser (insbesondere von psychoanalytischer und poststrukturalistischer Literatur) die letzten 20 Jahre über kontinuierlich mit der Vatermord-Thematik auseinandergesetzt und möchte in diesem Kolloquium eine einfache Frage herausarbeiten: Sind die gegenwärtigen politischen Krisen schlicht und ergreifend darauf zurückzuführen, dass die Menschen zu wenig lesen und König Ödipus, Hamlet oder die Brüder Karamasow im öffentlichen Bewusstsein gar nicht mehr vorkommen? Oder, viel schwieriger und gegen viele Denk-Tabus verstoßend gefragt: Wurde die konfliktreiche Beziehung von Vatergottfiguren, Autorität und Polis, die seit der Aufklärung befriedet zu sein schien, noch nicht an ihren Wurzelkomplexen entknotet? Brauchen wir, um unseren Demokratiebegriff zu erneuern, eine Revolution unseres Begriffs des Transzendenten?
Moderiert wird diese Veranstaltung von Olga Grytska.
Referent:innen
Luke Wilkins (Basel)
Olga Grytska (Basel)
Kosten
Die Teilnahme an unseren Forschungskolloquien ist kostenfrei.
Anmeldung
Um teilzunehmen, melden Sie sich bitte bei Prof. Dr. med. Lutz Götzmann an: goetzmann@ippk.de